LiteraTour – literarische Reise nach Pennsylvania
Die literarische Reise führt mich diesmal wieder in den Nordosten der USA nach Pennsylvania. Es werden die Bücher Abendlied und Himmel & Erde näher vorgestellt.

Pennsylvania hat am 12. Dezember 1787 als 2. Bundesstaat die US-Verfassung ratifiziert.
Staatsmotto: Virtue, Liberty and Independence (Tugend, Freiheit und Unabhängigkeit)
Beiname: Keystone State (Schlüsselstein-Staat)
Die Hauptstadt von Pennsylvania ist Harrisburg.
TUBS, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons1
Bedeutung
Ursprünglich war die Provinz Pennsylvania für ihre relativ friedlichen Beziehungen zu den einheimischen Stämmen, ihr innovatives Regierungssystem und ihren religiösen Pluralismus bekannt.
Deutschstämmige machen mit einem Anteil von gut 25 % an der Gesamtbevölkerung die größte Bevölkerungsgruppe aus. Dies zeigt sich auch an einer hohen Anzahl an Amischen und Mennoniten.
Der Westen des Landes rund um Pittsburgh ist durch Stahlindustrie und Kohle geprägt, der Osten eher durch ländliche Ausläufer der Appalachen mit Kleinstädten und Farmland. Der Niedergang der (Schwer)industrie ist besonders in den kleinen Städten spürbar, die zum Rust-Belt (wie auch Indiana) zählen.
Ausgewählte Bücher mit Handlungsort Pennsylvania
| Stewart O’Nan Abendlied Originaltitel: Evensong Übersetzung: Thomas Gunkel Fischer Taschenbuch-Verlag, 2024 352 S. | Gesellschaftsroman In seinem Roman greift Stewart O’Nan die Lebensgeschichte von Emily und Arlene (Protagonistinnen im Roman Emily allein) wieder auf. Zusammen mit Susie und Kitzi und einigen anderen Frauen aus dem Kirchenchor haben sie den Humpty Dumpty Club zur gegenseitigen Unterstützung gegründet. Mehr zu Abendlied | |
| James McBride Himmel & Erde Originaltitel: The Heaven & Earth Grocery Store Übersetzung: W. Löcher-Lawrence btw Verlag 2024 464 S. | Afroamerikanische Realität Pottstown, Pennsylvania, 1972, Bauarbeiter entdecken auf dem Chicken Hill ein Skelett. Die Geschichte geht dann 47 Jahre zurück, in die Zeit, in der jüdische Einwanderer und Afroamerikaner in dem Viertel leben, zusammengehalten auch durch Chona, die Inhaberin des Lebensmittelladens (The Heaven & Earth Grocery Store). Mehr zu: Himmel & Erde | |
| Samuel W. Gailey Tiefer Winter Originaltitel: Deep Winter Übersetzung: Andrea Stumpf Nachwort: Marcus Müntefering Polar Verlag, 2025 380 S. | Krimi, Gesellschaftsstudie Kleinstadt Wyalusing, im ländlichen Pennsylvania. Als eine Frau ermordet aufgefunden wird, fällt der Verdacht auf Danny, einen kognitiv beeinträchtigten, wegen seines Leibesumfangs öfter verspotteten Mann. Aber das ist nicht die einzige Gewalttat in dieser von Eiseskälte heimgesuchten Gegend. Spannend zu lesen, wenn ich auch auf manche Gewaltszenen gerne verzichtet hätte. Im Nachwort wird noch einmal hervorgehoben, dass der Autor seine Heimat als Schauplatz gewählt hat. Erstaunlich, dass ihn nicht so mancher danach gemieden hat. | |
| Fran Ross Oreo Übersetzung: Pieke Biermann Nachwort: Max Czollek dtv, 2019 288 S. | Wiederentdeckung: Vertreterin postmoderner Literatur der 1970er Jahre Schwarze Mutter, jüdisch weißer Vater, herauskommt eine Mischung außen Schwarz innen weiß wie der Keks. Der Roman von Fran Ross ist sowohl sprachlich als auch inhaltlich mit der Parallelität der Handlung zur griechischen Mythenwelt eine kleine Herausforderung. Sprachlich vermischt Ross afroamerikanisches Englisch, anglisiertes Jiddisch, Südstaatenidiome, Fantasiesprache und Zeichen. Ich fand den Stil interessant, aber konnte leider nicht mit allen Andeutungen etwas anfangen. Das Buch wurde 2019 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. | |
Buchbesprechung
Abendlied
Ich bin ein Fan von Stewart O’Nan und so habe ich mich gefreut, Anfang des Jahres einen Hinweis auf ein neues Buch von ihm zu finden. Der Titel Abendlied lässt schon vermuten, dass es in dieser Geschichte um den Lebensabend geht, den die Frauen des Humpty Dumpty Clubs in Pittsburgh miteinander verbringen.

Stewart O’Nan
Abendlied
Originaltitel: Evensong
Übersetzung: Thomas Gunkel
Rowohlt-Verlag, 2026
352 S.
978-3-498-00787-4
rowohlt.de
Vier Frauen
Frauen aus dem Kirchenchor gründen den Humpty-Dumpty-Club, eine Gemeinschaft um für andere bei der Bewältigung täglicher Probleme beim Älterwerden Hilfe zu leisten. Im Mittelpunkt des Romans stehen Emily, die ich bereits aus Emily allein kenne, und ihre Schwägerin Arlene, beide selbst schon in den 80ern, sowie Kitzi und Susie. Kitzi übernimmt nach einem Unfall von Joan die Organisation für den Club. Susie ist mit 63 Jahren die Jüngste im Bunde. Der Roman spielt zum Ende der Corona-Pandemie.
Lebensabschnitte
Die vier Frauen stehen stellvertretend für unterschiedliche Lebensabschnitte jenseits der Sechzig. Susie, geschieden, lässt sich auf das Abenteuer ein, einen Mann über eine Dating Plattform kennen zu lernen und eine Beziehung aufzubauen. Kitzi übernimmt die Verteilung der Arbeitseinsätze, aber auch Aufgaben, für die sich gerade niemand findet. So schaut sie nach Jean und Gene, ein Künstlerehepaar, das in einem Messie-Haus mit vielen Katzen lebt. Zusätzlich muss sie sich um Martin, ihren Mann, kümmern. Arlene, die mit 88 Jahren Älteste, bemerkt zunehmend, dass sie Dinge vergisst. Emily hat sich nach dem Tod ihres Mannes Henry inzwischen an das Alleinleben gewöhnt. Es fällt ihr schwer das schlechte Verhältnis zu ihrer Tochter Margaret umzukehren.
Aber es ist nicht nur das Alter, sondern auch die Umgebung in verschiedenen Stadtteilen von Pittsburgh, die die Frauen prägen.
Resümee
In kleinen Episoden wird der Alltag der vier Frauen und weiterer Personen beschrieben. Es brauchte etwas Zeit, bis ich mich eingelesen hatte. Nicht erforderlich, aber hilfreich war, dass ich aus früheren Romanen Henry, den Ehemann von Emily, die Tochter Margaret und das schwierige Verhältnis von Mutter und Tochter sowie Schwägerin Arlene schon kannte. Insgesamt gelingt es Stewart O’Nan auch in diesem Roman, dass sich Alltägliches mit Erinnerungen an Vergangenes, verpasste Gelegenheiten und Nicht-mehr-Änderbares verweben. Mich hat das Buch noch Tage nach dem Lesen in eine aufgeräumte Stimmung versetzt. Das Schöne am Älterwerden liegt auch in einem gelasseneren Blick auf die verbleibende Zeit und die Möglichkeit, diese mit Freunden zu teilen.
Und was für ein gelungener Name: Humpty Dumpty Club, nach einem englischen Kinderlied.
Mehr zu Pennsylvania
Himmel & Erde
Der Roman Himmel & Erde von James Mc Bride führt in die 1930er Jahre nach Pottstown, im Montgomery County im Südosten Pennsylvanias.

James McBride
Himmel & Erde
Originaltitel: The Heaven & Earth Grocery Store
Übersetzung: Werner Löcher-Lawrence
btb Verlag, 2024
464 S.
978-3-442-77469-2
Penguin
Ein Skelett wird gefunden
Pottstown liegt im Montgomery County im Südosten von Pennsylvania. Die Geschichte beginnt 1972, als beim Ausheben eines Fundaments in einem neuen Baugebiet ein Skelett gefunden wird. Schnell wird deutlich, dass die Identifikation der Leiche auf die Zwanziger- und Dreißigerjahre zurückgeht. Damals war Chicken Hill ein armes Viertel, in dem Juden, Afroamerikaner und Weiße leben, die den amerikanischen Traum vom Wohlstand nicht geschafft haben.
Im Zentrum der Geschichte stehen Moshe und Chona Ludlow. Während Moshe erfolgreich ein Theater betreibt, hält Chona an ihrem kleinen Lebensmitteladen – dem Heaven & Earth Grocery Store – fest, der zum Treffpunkt der Leute im Viertel wird. Die beiden sind glücklich verheiratet, auch wenn Moshe nicht ganz nachvollziehen kann, warum Chona sich weigert mit ihm in ein „besseres“ weißes Viertel zu ziehen. Sie bleiben kinderlos und als sie eines Tages von Addie und Nate, die bei Moshe arbeiten, um Hilfe gebeten werden, zögern sie nicht lange. Der tauben Neffe der beiden, Dodo, soll in einer Anstalt untergebracht werden. Chona und Moshe nehmen ihn zu sich und verstecken ihn vor den Behörden.
Dodos Verhängnis
Eines Tages kommt Earl Roberts, Arzt (Doc) in Pottstown zu Chona in den Laden. Der Doc, einst abgewiesen von Chona, hatte sich aus Frust über die Abweisung, seine unglückliche Ehe und die zunehmende Veränderung seiner Heimatstadt den Weißen Rittern des KuKluxKlans angeschlossen.
Er hatte seine Jugend vergehen sehen, wurde Zeuge, wie seine Stadt zerstört und das Blut seiner stolzen weißen Väter von Eindringlingen verwässert wurde, Juden, Italienern, sogar Niggern, die über den Chicken Hill zogen und einander Eiscreme und Schuhe verkauften, während sich anständige weiße Menschen zudem noch gegen das neue Geld von Juden und Italienern zur Wehr setzen mussten, die alles aufzukaufen schienen.
Als Chona einen epileptischen Anfall bekommt, versucht der Doc die Situation auszunutzen und Chona zu missbrauchen. Dodo, der dies aus seinem Versteck beobachtet, stürzt sich auf den Doc. Als schwarzer Junge hat er jedoch keine Chance die Situation vor der Polizei richtig zu stellen und kommt in eine Anstalt.
Dodo findet in Monkey Pants einen Freund
Die Handlung wird durch Nebengeschichten ergänzt, die es leider auch etwas erschweren den Überblick zu behalten. Eine dieser Geschichten ist das Zusammentreffen von Dodo und Monkey Pants. Dodo wird auf die Krankenstation der Anstalt eingewiesen. Sein Bettnachbar ist ein Junge, der mit verrenkten Gliedern neben ihm liegt und nicht sprechen kann.
»Woner hast du die?«, fragte Dodo.
Monkey Pants antwortete mit dem Vorschieben einen Lippe.
»Woher?«
So fing es an.
Erst schien es unmöglich, denn beide Jungen konnten keine Zeichensprache. Aber Dodo konnte sprechen, und Monkey Pants konnte hören, und allein schon der Versuch, mit jemandem zu kommunizieren, irgendwem, brachte Dodo ein wenig Licht.
Dodo, der bis dahin fast nur mit Erwachsenen kommuniziert hat, findet in Monkey Pants nach den anfänglichen Schwierigkeiten einen Freund.
Resümee
Chona, eine Frau, die sich von Kindheit an durch Krankheiten kämpfen muss, beeindruckt mit ihrer unbeugsamen, aufrechten Haltung. Aber auch Moshe, mit seiner unerschütterlichen Liebe für Chona hat mich sehr berührt. Die Geschichte ist geprägt von Hoffnungen, Schmerzen und Kämpfen und dem zueinander Halten einer sehr heterogenen Gemeinschaft. Allen Differenzen hinsichtlich Kultur und Glauben zum Trotz ziehen die Menschen in Pottstown, wenn es drauf ankommt, an einem Strang und so wird das Geheimnis um das Skelett nie aufgeklärt. James McBride gelingt mit diesem Roman eine eindrucksvolle Auseinandersetzung mit den Lebensbedingungen in den USA im frühen 20. Jahrhundert.
- https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0 ↩︎
