Der Roman Country Place spielt in einem Provinznest an der Mündung des Connecticut Rivers Ende der 1940er Jahre.

Anne Petry
Country Place
Originaltitel: Country Place
Übersetzung: Pieke Biermann
Nachwort: Farah Jasmine Griffin
Nagel und Kimche Verlag, 2021
320 S.
harpercolins.de
Rückkehr nach Lennox
Es ist alles noch so wie vorher, denkt Johnnie, als er aus dem zweiten Weltkrieg in seine Heimat, die Kleinstadt Lennox in Connecticut, zurückkehrt. Und er merkt gleich bei seiner Ankunft, wie ihn die Heimat beengt.
Ihm fiel alles Mögliche ein, was er an Lennox nie hatte leiden können. Es lag nicht an dem, was der Fahrer gesagt hatte, er hatte die Lage der bescheidenen kleinen Kirche mit den drumherum gescharten Grabsteinen weder billigend noch missbilligend kommentiert. Die Erinnerungen kamen zurück wegen dieses ständigen verschlagen-zufriedenen Lächelns. Das war wie ein Wink, ein Knuff in die Rippen.
Jetzt fiel ihm wieder ein, dass überall geklatscht und getratscht wurde – im Postamt, im Gemischtwarenladen, im Drugstore und sonntags nach dem Gottesdienst vor den Kirchen. Diese Sorte Grinsen im Gesicht des kleinen Mannes hinterm Lenkrad stand für die ganze Selbstgefälligkeit und Selbstzufriedenheit der Stadt, für ihr hinterhältiges Gespött über andere.
Bitter muss er zudem feststellen, dass seine junge Ehefrau Glory ihn längst nicht so schmerzlich vermisst hat wie er sie. Trotzdem hofft Johnnie, dass sich das Verhältnis zwischen ihnen wieder einrenken lässt. Glory aber hat andere Pläne. Ausgerechnet Ed Barrel, der Frauenschwarm des kleinen Örtchens hat es Glory angetan.
Und auch sonst herrscht in diesen Tagen kurz vor einem kräftigen Sturm Unruhe im Ort. Glorys Mutter Lil hat sich den gut betuchten Mearns Gramby als Ehemann gesucht. Nun sitzt sie — ebenfalls einst eine Geliebte von Ed Barrel — mit der Schwiegermutter wie eine Gefangene in einem herrschaftlichen Anwesen fest. Diese lässt Lil spüren, wie wenig sie in diese Umgebung passt.
Die Geschichte wird zum Teil aus der Sicht des Apothekers erzählt. Er blickt – quasi unbeteiligt – auf das Geschehen im Ort. Das Gegenstück zum Apotheker ist Wiesel, der Taxifahrer des Ortes. Er wittert in allen Ecken eine Geschichte, die sich aufbauschen und weitererzählen lässt.
Enge erdrückend
Johnnie träumt davon Künstler zu werden und nach New York zu ziehen.
Jetzt wollte er wieder weg. Diese Stadt – der kleine Mann da war ihr Ebenbild, und was aus seinem Mund kam, war ihr Denken -, diese Stadt war nicht groß genug, um ihn zu halten.
Mearns Gramby erkennt nach dem Tod seiner Mutter die Habgier seiner Frau.
Einzig das schwarze Dienstmädchen der Grambys und der puertoricanische Hausangestellte finden gemeinsam ihr Glück.
Hintergrund
Ann Petry kennt aus eigenem Erleben die Situation in einer Kleinstadt in Connecticut, in der die weiße Bevölkerung (WASP – White Anglo-Saxon Protestant) dominiert. Sie wurde 1908 in Old Saybrook, Connecticut, geboren. Ihre Familie war die einzige mit schwarzer Hautfarbe am Ort. Anders als in ihrem bekannten Roman „The Street“ stellt Petry in diesem Roman nicht die Situation der schwarzen Bevölkerung in den Vordergrund. Im Zentrum stehen ihre Beobachtungen des Kleinstadtlebens.
Ihr Blick auf die Stadt, so heißt es im Nachwort, dürfte der Perspektive von Johnnie Roane ähneln. Auch sie hat die Kleinstadt verlassen, fühlt sich durch ihre schriftstellerischen Ambitionen nach New York gezogen.
Ich fand das Buch bemerkenswert, auch wenn mir die Charaktere zum größten Teil einfach unsympathisch geblieben sind. Ohne Rassismus offen zu behandeln, werden unterschwellig existierende rassistische und antisemitische Einstellungen entlarvt.
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