Percival Everett

Erschütterung (New Mexico)

In seinem Roman Erschütterung beschreibt Percival Everett den verzweifelten Versuch eines Vaters durch eine Hilfsaktion in New Mexico mit der eigenen Ohnmacht fertig zu werden.

Percival Everett
Erschütterung
Originaltitel: Telephone
Übersetzung: Nikolaus Stingl
Carl Hanser Verlag 2022
288 S.
www,carl-hanser-verlag

Der Ich-Erzähler Zach Wells im Roman von Percival Everett ist „Geologe-Schrägstrich-Paläbiologe“, Mitte Vierzig und arbeitet als Professor an einer Universität in Altadena, Kalifornien. Er ist verheiratet, hat eine 12-jährige Tochter, Sarah, die er über alles liebt, und könnte eigentlich zufrieden mit seinem Leben sein. Doch Zach behauptet von sich ein „unglücklicher Mensch“ zu sein. Im Umgang mit einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin ist er schon mal brüsk und weist ihre Bitte um Unterstützung harsch zurück. Auch sonst zeichnet er sich durch einen eher wenig emphatischen Kommunikationsstil aus. 

Eines Tages übersieht Sarah bei einem Schachspiel mit ihrem Vater einen Läufer. Zach ist zwar verwundert, denkt sich aber noch nichts dabei. Kurze Zeit später wird klar, dass seine Tochter immer eingeschränkter sieht. Ein Optiker kann jedoch keine Sehbehinderung feststellen. Eine eingehende Untersuchung bringt die traurige Gewissheit, dass Sarah an einer unheilbaren Krankheit (einem genetischen Defekt – von beiden Eltern) leidet. Eine Krankheit, die in kurzer Zeit zum Tod führen wird. Erschüttert finden Zach und seine Frau nur schwer einen Weg, wie sie mit dieser Situation gemeinsam fertig werden können. Eine Reise mit der Tochter nach Paris bietet nur kurz eine Ablenkung, aber auch eine erschreckende Erkenntnis.

„Here comes an old soldier from botany bay“

Als Zach in einem Hemd, das er über einen Versandhandel bestellt hatte, einen kleinen Zettel mit einem Hilferuf „Bitte helfen für uns“ findet, ist er zunächst irritiert. Absender: Bingham, New Mexico. Je mehr er sich damit beschäftigt, desto klarer wird für Zach, dass der Hilferuf zu einer Möglichkeit wird, seinem Leben irgendwie wieder einen Sinn zu geben.

Das Ganze war bloß, was es war: eine Ablenkung, ob nun willkommen oder nicht, von der furchteinflößenden Situation, in der wir uns befanden. Die Mitteilung war eine seltsame Bestätigung von Wissen, das ich nicht besaß. 

und etwas später heißt es: 

Wenn Rednecks Angst bekommen, greifen sie zu ihren Gewehren. Wenn Intellektuelle Angst bekommen, greifen sie zu philosophischen Grundsatzfragen: Was ist das Gute? Was ist die Schönheit? Was heißt es, etwas zu wissen?

Um sicher zu sein, dass die Nachricht kein Streich ist, schickt Zach das Hemd zurück und platziert eine versteckte Antwort. In der nächsten Lieferung findet er ein Post-it mit den Worten „Por favor ayúdenos. No nos dejan ir“ (Sie lassen uns nicht gehen). Kurzentschlossen bricht Zach nach New Mexico auf. Um den Absender des Hilferufs zu ermitteln, schickt er eine rote Schachtel an die Postfach-Adresse in Bingham und wartet in seinem Jeep drei Tage, bis das Päckchen abgeholt wird.

Geschickt verwebt Everett die Trauer eines Vaters um den Tod seiner Tochter mit essentiellen Fragestellungen wie der Bewältigung von Angst und Suche nach Gewissheit. Zach wurde mir mit seiner arroganten, etwas zu sehr von sich überzeugten Art nicht unbedingt sympathisch. Trotzdem hat mir das Buch sehr gut gefallen, weil es viel Anlass zur Auseinandersetzung mit grundlegenden Themen wie Trauer, Identität und Gewalt bietet.

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