Harper Lee kommt aus Alabama. In ihrem Roman Wer die Nachtigall stört greift sie auf Kindheitserinnerungen zurück.

Harper Lee
Wer die Nachtigall stört
Originaltitel: To Kill a Mockingbird
Übersetzung: Claire Malignon, überarbeitet von Nikolaus Stingl
mit einem Nachwort von Felicitas von Lovenberg
Rowohlt Verlag, 2015
464 S.
rowohlt.de
Harper Lee erzählt die Erlebnisse – der Roman setzt sich aus ursprünglich mehreren Erzählungen zusammen – der Geschwister Jean Louise (genannt Scout) und Jem in Maycomb. Die beiden werden in den 1920/30er Jahren von ihrem Vater Atticus Finch, einem Rechtsanwalt, allein erzogen. Maycomb ist eine fiktive Stadt in Alabama, die dem Heimatort von Harper Lee – Monroeville – ähnelt. Scout, aus deren Perspektive der Roman erzählt wird, ist ein aufgewecktes Mädchen. Sie beobachtet aufmerksam und kommentiert alles um sich herum, insbesondere die Arbeit ihres Vaters. Als der Vater die Verteidigung eines schwarzen Landarbeiters übernimmt, muss sie erfahren, welche Gesinnung die Bevölkerung von Maycomb prägt.
In jenem Jahr, als er Tom Robinsons Verteidigung übernahm, summte die Schule vor Gerede, und nichts davon war für ihn (Atticus) schmeichelhaft.
Maycomb gerät aus dem Gleichgewicht
In Maycomb herrscht in jenen Tagen eine Art Kastensystem. Die Bürger wissen im Voraus anhand des Familiennamens, was sie an Reaktionen in bestimmten Situationen erwarten dürfen. Auch von Scout und ihrem Bruder Jem wünscht sich Tante Alexandra, die Schwester von Atticus, dass sie sich „Finch“-gemäß verhalten. Die Einteilung gibt den Bewohnern Maycombs eine scheinbare Sicherheit.
Sie verließen sich dabei auf Geisteshaltungen, Charakterzüge, und sogar Gesten, die in jeder Generation von neuem auftraten und mit der Zeit verfeinert worden waren.
Obwohl Tom Robinsons Unschuld sich aus den Zeugenaussagen erschließt, wird er am Ende schuldig gesprochen. Allein die Tatsache, dass Atticus Finch die Verteidigung übernommen hat, sorgt in Maycomb schon für Unruhe.
Eine besondere Bedeutung hat die Nachtigall in dem Roman. Atticus hatte es als Sünde bezeichnet, auf Nachtigallen zu schießen und Miss Maudie erklärt Finch die Gründe.
»Nachtigallen erfreuen uns Menschen mit ihrem Gesang. Sie tun nichts Böses, sie picken weder die Saat aus dem Boden, noch nisten sie in Maisschuppen, sie singen sich nur für uns das Herz aus der Brust. Darum ist es Sünde, auf eine Nachtigall zu schießen.«
Am Ende schließt sich der Kreis und die Bedeutung des Titels wird deutlich.
Aus dem Nachlass
Im Nachlass von Harper Lee wurde das Manuskript zu „Go Set a Watchman“ (Gehe hin und stelle einen Wächter) gefunden und 2015 veröffentlicht. Wie sich herausstellte, war dies die Vorlage für Wer die Nachtigall stört. In Gehe hin, stelle einen Wächter ist Scout eine Jurastudentin, die im Alter von 26 Jahren nach Hause zurückkehrt und erfahren muss, dass der bewunderte Vater Atticus, zu rassistischen Äußerungen fähig ist, die Scout ihm nicht zugetraut hätte. Die Lektorin soll Harper Lee ermutigt haben, das ursprüngliche Manuskript noch einmal zu überarbeiten und aus der Perspektive eines Kindes zu beschreiben. Es handelt sich somit nicht um eine Fortsetzung. Mir persönlich hat an der ursprünglichen Fassung (Gehe hin, stelle einen Wächter) gefallen, dass Atticus nicht ganz so gutherzig erscheint. Zudem hat mich die Schilderung aus der Perspektive einer jungen Frau, die ihren eigenständigen Weg sucht, etwas mehr angesprochen.
Nichtsdestotrotz ist Wer die Nachtigall stört für die Zeit seiner Entstehung ein eindrucksvolles Zeitdokument. Gerade durch die Perspektive aus der Sicht eines jungen Mädchens wird die Komplexität des Prozesses deutlich, wenn zum Beispiel Atticus es als Erfolg wertet, dass sich die Geschworenen über mehrere Stunden zur Beratung zurückgezogen haben. In diesem Sinne ist der Roman ein zeitloser Klassiker und hat mich – zugegeben ab ca. Seite 140 – in seinen Bann gezogen.
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