Ich bin ein Fan von Stewart O’Nan und so habe ich mich gefreut, Anfang des Jahres einen Hinweis auf ein neues Buch von ihm zu finden. Der Titel Abendlied lässt schon vermuten, dass es in dieser Geschichte um den Lebensabend geht, den die Frauen des Humpty Dumpty Clubs in Pittsburgh miteinander verbringen.

Stewart O’Nan
Abendlied
Originaltitel: Evensong
Übersetzung: Thomas Gunkel
Rowohlt-Verlag, 2026
352 S.
978-3-498-00787-4
rowohlt.de
Vier Frauen
Frauen aus dem Kirchenchor gründen den Humpty-Dumpty-Club, eine Gemeinschaft um für andere bei der Bewältigung täglicher Probleme beim Älterwerden Hilfe zu leisten. Im Mittelpunkt des Romans stehen Emily, die ich bereits aus Emily allein kenne, und ihre Schwägerin Arlene, beide selbst schon in den 80ern, sowie Kitzi und Susie. Kitzi übernimmt nach einem Unfall von Joan die Organisation für den Club. Susie ist mit 63 Jahren die Jüngste im Bunde. Der Roman spielt zum Ende der Corona-Pandemie.
Lebensabschnitte
Die vier Frauen stehen stellvertretend für unterschiedliche Lebensabschnitte jenseits der Sechzig. Susie, geschieden, lässt sich auf das Abenteuer ein, einen Mann über eine Dating Plattform kennen zu lernen und eine Beziehung aufzubauen. Kitzi übernimmt die Verteilung der Arbeitseinsätze, aber auch Aufgaben, für die sich gerade niemand findet. So schaut sie nach Jean und Gene, ein Künstlerehepaar, das in einem Messie-Haus mit vielen Katzen lebt. Zusätzlich muss sie sich um Martin, ihren Mann, kümmern. Arlene, die mit 88 Jahren Älteste, bemerkt zunehmend, dass sie Dinge vergisst. Emily hat sich nach dem Tod ihres Mannes Henry inzwischen an das Alleinleben gewöhnt. Es fällt ihr schwer das schlechte Verhältnis zu ihrer Tochter Margaret umzukehren.
Aber es ist nicht nur das Alter, sondern auch die Umgebung in verschiedenen Stadtteilen von Pittsburgh, die die Frauen prägen.
Resümee
In kleinen Episoden wird der Alltag der vier Frauen und weiterer Personen beschrieben. Es brauchte etwas Zeit, bis ich mich eingelesen hatte. Nicht erforderlich, aber hilfreich war, dass ich aus früheren Romanen Henry, den Ehemann von Emily, die Tochter Margaret und das schwierige Verhältnis von Mutter und Tochter sowie Schwägerin Arlene schon kannte. Insgesamt gelingt es Stewart O’Nan auch in diesem Roman, dass sich Alltägliches mit Erinnerungen an Vergangenes, verpasste Gelegenheiten und Nicht-mehr-Änderbares verweben. Mich hat das Buch noch Tage nach dem Lesen in eine aufgeräumte Stimmung versetzt. Das Schöne am Älterwerden liegt auch in einem gelasseneren Blick auf die verbleibende Zeit und die Möglichkeit, diese mit Freunden zu teilen.
Und was für ein gelungener Name: Humpty Dumpty Club, nach einem englischen Kinderlied.
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