Das Buch Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt von Maya Angelou ist der erste Band in einer Reihe autobiografisch geprägter Werke. Überwiegend aufgewachsen bei ihrer Großmutter in Arkansas erfährt die spätere Bürgerrechtlerin schon früh Rassismus und Gewalt.

Maya Angelou
Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt
Maya Angelous Memoire 1
Aus dem Englischen von Harry Oberländer
Suhrkamp Verlag 2018
321 S.
suhrkamp.de
Die Geschichte mit autobiographischen Zügen der Autorin beginnt in Stamps, wo die Ich-Erzählerin (die dreijährige Maya) und ihr vierjähriger Bruder Bailey 1931 bei der Großmutter ankommen. Die Eltern hatten sich getrennt und die Kinder allein im Zug zur Großmutter geschickt. Im Süden der USA isolieren Rassengesetze noch Schwarze von Weißen. Momma betreibt im schwarzen Teil von Stamps einen kleinen Laden, um den sich das bunte Treiben nachbarschaftlicher Aktivitäten abspielt. Maya beobachtet, wie die Baumwollpflücker nicht von ihren Schulden runterkommen, so viel sie auch gepflückt hatten, es reicht nie.
Stamps in den 30er Jahren
Typisch für den kleinen Ort scheint die Haltung der Bewohner zu sein, die sich mit ihrem Schicksal abgefunden haben. Über Stamps schreibt Maya einige Zeit später, als sie aus St. Louis in den kleine Ort zurückkehrt:
Die Öde von Stamps war genau, was ich brauchte,… Nach dem Lärm und der Betriebsamkeit von St. Louis, … taten mir die dunklen Gassen und die einfachen Häuser mit ihren tiefen schattigen Höfen gut. Der Fatalismus ihrer Bewohner gab mir Kraft, mich auszuruhen, ihre Zufriedenheit beruhte auf dem Glauben, dass sie nichts mehr zu erwarten hatten, ihre Ansprüche hatten sie aufgegeben. Ihre Haltung, sich mit den Ungleichheiten im Leben abzufinden, war lehrreich für mich.
Maya erlebt diese schicksalsergebene Einstellung bei ihrer Großmutter, die sehr religiös ist. So stand sie während der Erntezeit morgens früh um 4 Uhr auf, um als erstes zu beten. Sie kniete auf dem Fußboden nieder und
sang mit schlaftrunkener Stimme: «O Vater, ich danke dir, dass du das Bett, in dem ich diese Nacht schlief, nicht zum Sarg werden ließest, noch die Decke zum Leichentuch. Führe meine Füße an diesem Tag auf dem schmalen, geraden Pfad und hilf mir, meine Zunge im Zaum zu halten. Segne dies Haus und alle, die es beherbergt. Dank sei dir im Namen des Sohnes, Jesus Christus, Amen.«
Auf zu eigenen Wegen
Viele der erniedrigenden Situationen scheinen für Maya kaum aushaltbar. Für mich am eindrücklichsten die Szene, als die Großmutter mit Maya zum Zahnarzt aufbricht. Sie hatte ihm während der Wirtschaftskrise einen Kredit in ihrem Laden gewährt. Nun bittet sie den weißen Zahnarzt ihre Enkelin zu behandeln. Obwohl sie ihn auch bezahlen kann, weigert er sich, eine schwarze Patientin zu behandeln.
Maya lernt aus ihren Beobachtungen und den späteren Aufenthalten bei ihren Eltern ihren eigenen Weg zu finden. Maya Angelou wurde Schriftstellerin und eine wichtige Persönlichkeit der Bürgerrechtsbewegung der AfroamerikanerInnen. Mich hat ihre Geschichte sehr beeindruckt.
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