Der Roman Wellness von Nathan Hill erzählt die Geschichte eines jungen Paares Ende des 20. Jahrhunderts in Chicago.

Nathan Hill
Wellness
Originaltitel: Wellness
Übersetzung: Dirk van Gunsteren und Stephan Kleiner
Piper Verlag, 2024
729 Seiten
piper.de
Sie beobachten sich gegenseitig vis-a-vis in ihren Wohnungen. Anfang der 1990er Jahre in Chicago werden Jack und Elizabeth ein Paar, angezogen von einem scheinbar geheimnisvollen Leben, das sie durch die einander gegenüberliegenden Fenster wahrnehmen. Gut 20 Jahre später, inzwischen verheiratet, einen Sohn, beschließen sie sich eine Eigentumswohnung im nördlich von Chicago gelegenen Vorort Park Shore zu kaufen. Das Gebäude, eine längst geschlossene Werft, The Shipworks, wird kernsaniert. Ihre Vierzimmerwohnung ist derzeit noch
„buchstäblich Luft, ein Rechteck am Himmel, im fünften Stock – doch dieses Stück Himmel war genau definiert und niedergelegt in den Kreditanträgen, mit denen sie so viele zähe Stunden verbracht haben.“
Der Traum vom Eigenheim
In dieser Gegend ist diese Wohnung die einzige Möglichkeit für die beiden, sich je eine eigene Wohnung leisten zu können. Im Büro des Maklers (Benjamin) hängen großformatige Bilder, wie The Shipworks mal aussehen sollte.
„Die meisten zeigten quirliges, urbanes Leben in der Abenddämmerung mit Radfahrern und Leuten, die Hunde ausführten. Hinter ihnen glühte das Gebäude orangerot und einladend. Es war für eine gemischte Nutzung vorgesehen, und der Entwurf folgte gewissen neuen urbanistischen Grundsätzen: es sollte umweltverträglich sein und über eine große Vielfalt von Wohnungen verfügen. Es gab Wohn- und Büroräume im Erdgeschoss, große Penthouses und dazwischen ein paar Dutzend Wohnungen verschiedener Größe, manche sehr groß, andere bescheidener und wieder andere waren Sozialwohnungen, für die es irgendeinen Bundeszuschuss gab. Eine Wohnung in the The Shipworks war für Jack und Elizabeth die einzige Chance, sich jemals ein Leben im Park Shore, Illinois, leisten zu können, einem Ort, wo die anderen Gebäude meist auf ausgedienten Rasenflächen standen, riesige Herrenhäuser, Ende des 19. Jahrhunderts als Sommerfrische der Reichen erbaut und inzwischen siebenstellige Summen wert.“
Als es um die detailliertere Planung geht, werden die unterschiedlichen Vorstellungen von Jack und Elizabeth deutlich. Sie möchte getrennte Schlafzimmer, eine offene Küche, Platz für kreative Gestaltung. Er möchte eigentlich alles lieber wie gewohnt belassen, obwohl die Realitäten (häufig schläft er von ihr getrennt) längst andere sind.
Eine Bürgerinitiative zur Rettung des Viertels stört den Fortgang der Fertigstellung von The Shipworks. Benjamin meint das Risiko im Blick zu haben, das sich aus den Protesten ergibt. Er erklärt Jack den Hintergrund.
«Im Jahr 1956 verabschiedete die Bundesregierung ein Gesetz zum Ausbau des nationalen Fernstraßensystems. Und die örtlichen Behörden, die damals praktisch ausschließlich mit Weißen besetzt waren, beschlossen diese Schnellstraßen durch Viertel zu bauen, in denen hauptsächlich Schwarze wohnten, und damit waren diese Viertel natürlich kaputt.«
«Ich verstehe.»
«Etwa zehn Jahre später verabschiedeten die Bundesstaaten Bürgerrechtsgesetze, die es den Anwohnern erlaubten Bauentwickler zu verklagen, wenn ihre Bauvorhaben die Integrität der Nachbarschaft beeinträchtigten. Das waren gut gemeinte Gesetze, würde ich sagen, aber dann zeigte sich, dass ihre Anwendung eine Menge Zeit, Aufwand, Koordination und Geld erfordert, und so kommt es, dass die Einzigen, die sich diese Gesetze zunutze machen, perverserweise reiche weiße Leute sind, die ihre Immobilienwerte schützen wollen. Und genau das passiert gerade in Park Shore. Man hat Klagen eingereicht und einstweilige Verfügungen erwirkt.«
Auf der Suche für die Ursachen ihrer angeschlagenen Beziehung, werden Jack und Elizabeth auch immer wieder mit ihrer eigenen Vergangenheit konfrontiert. Jack ist im ländlichen Kansas aufgewachsen, mit einer schwierigen Beziehung zu seiner Mutter, die eigentlich kein zweites Kind mehr haben wollte. Elizabeth kommt aus einer reichen Unternehmerfamilie. Ihr Urgroßvater hatte sich mit nichts als einem Stück Land hochgearbeitet, ihr Großvater ist mit der Ausstattung des KuKuxKlan reich geworden und ihr Vater hat dieses schwere Erbe gewandelt.
Fazit
Nathan Hill gelingt es den Lesenden mitzunehmen in eine Chicagoer Kunst- und Gesundheitsszene. Es entstehen in einer Bevölkerungsschicht, die auf absurde Weise auf Gesundheit und perfekte Kindererziehung achtet, wachsende Bedürfnisse. In der Stadtentwicklung machen sich exorbitante Immobilienpreise breit. Der Autor zeigt, wie sich Ansprüche – eigene und vermeintlich von außen vorgegebene – auflösen lassen. Der Roman lässt sich locker lesen. Wellness pur.
Mehr zu Illinois

